Handküsse und ungeduschte Schweden
Manchmal tut es meinem Spiel gut, schlechtgelaunt aufzuwachen. Ich bin dann unausstehlich, aggressiv und unantastbar, also genau in der richtigen Stimmung um am Pokertisch die Gegner in die Ecken zu schubsen.
Nachdem Jan mich ein paar Stunden am Morgen des 2. Spieltages ertragen musste (nice Job, Honey!), mir Drachenfutter in Form von Starbucks-Kaffee und Rückenmassagen verabreichte, schickte er mich um 12h an meinen neuen Tisch. Ich nahm den Stuhl auf Platz 2 (btw: die Dinger sind ‘ne Zumutung – kein Wunder, dass die Massagemädchen rumschicken) und machte den üblichen Rundumblick: Wer sitzt da? Wieviel Chips sind unterwegs? Wie steh ich hier eigentlich? Soweit, so gut. Erste Analyse ergab, dass ich ungefähr 4. in Chips war, zwei Spieler einen sehr kleinen Stack hatten, zwei hatten schon mehr als doppelt so viel. Einer davon saß auf Platz 1, ein charmanter ca. 70-jähriger, den ich grad davon abhalten konnte mir zur Begrüßung einen Handkuss zu geben. Direkt links neben mir ein ungewaschener, mit Riesen-Sonnenbrille gestylter Schwede. Drei Tage frei haben irgendwie nicht gereicht zum duschen. Aber er hatte Chips und er sollte meinen 2. Spieltag beenden. Und zwar so, dass ich mich jetzt noch schlecht fühle.
Nachdem ich in meiner immer noch schlechten Laune anfange die Blinds zu attakieren und es immer klappt, fühle ich mich zusehends besser. Fehler!
Ich hätte dabei bleiben müssen, dass die Welt heute scheisse zu mir ist und die Keule nicht wieder in die Handtasche stecken sollen. Also übernimmt der Schwede links von mir den Part, etwas Stimmung zu verbreiten. Fehler 2. Oh man, wie konnte ich mir das abnehmen lassen den Tisch zu terrorisieren?
Ich merke es aber noch rechtzeitig und reiss mich zusammen. Nachdem wir beide uns dann ein paar Schlachten lieferten, die unterm Strich +/- Null ausgehen kommt folgende Hand, die mich den Kopf kostet:
Der Schwede raist wieder, diesmal UTG, also aus erster Position, ich hab Big Blind. Es geht rum, alle werfen weg. Ich schaue in meine Karten und sehe 10 Js. Er hatte auf 1500 erhöht, ich hab 500 drin und durch das Ante ist genug im Pot. Ich zahle noch 1000 dazu und will den Flop sehen.
Der kommt wie folgt: 89T, zwei davon in Karo. Ich muss zuerst sprechen und setzte 3000. Der Schwede hatte vorher ein paar abenteuerliche Showdowns und ich fühlte mich mit Top-Paar und Strasse oben-unten ganz gut. Er überlegt kurz und zahlt. Turn kommt eine 2, kein Karo. Ich setzte 8000. Er schwitzt und denkt. Zahlt! Upps denke ich, mir wärs recht gewesen er geht mir einfach aus dem Weg. River kommt 5, immer noch kein Karo, welches mich bremsen könnte. Ich hab nach wie vor Top-Paar, aber leider die Strasse nicht getroffen. Ich geh all-in. Für ihn wäre es auch ein all-in, ich hab etwas mehr Chips als er. Er schwitzt wieder und denkt ziemlich lange nach. Die anderen Spieler werden schon ungeduldig und nippen an ihren Getränken. Ich starre auf den Tisch und bete, dass er wegwirft, irgendwie wirds ungemütlich.
Nach endlosen Minuten zahlt er und zeigt mir ATo. Also auch das Top-Pair mit besserem Kicker. Oh man.
Mir bleiben noch 3.500 Chips, die ich nach 10 Minuten mit Pocket 3 all-in schiebe und vom Small Blind gecallt werde, der auch etwa nur noch 4000 Chips hat. Er zeigt AQo. Das Board kommt JJ5-6-5. Er gewinnt auf dem River, weil das Board zwei Paar hat und sein Kicker A zählt.
Ich verlasse ohne Handkuss den Tisch und gehe zurück ins Hotel. Als ich dort ankomme seh ich natürlich in das bestürtzte Gesicht von Jan, dass ich “schon da” bin. Das ist das Schlimmste. Ich fühle mich wie ein Kind, dass im Tante-Emma-Laden beim Bonbonklauen erwischt worden ist. Unerträglich schuldbewusst.









